DAS L IST UNSICHTBAR!

Von Patricia Schaller / Wirtschaftsweiber

Die ernüchternde Faktenlage im Jahr 2020: Eine Gleichstellung von Männern und Frauen in Bezug auf die Chancengleichheit am Arbeitsplatz ist noch immer nicht erreicht. Auch Lesben sind da keine Ausnahme und stoßen im Erwerbsleben im doppelten Sinne an die gläserne Decke: als Frau und als Lesbe.

DIE GLÄSERNE DECKE UND DER UNGLEICHE LOHN

Die Faktenlage zum Thema Frauen in Führungspositionen hat sich ebenfalls nicht merklich verändert. Zwar werden Frauen selbstbewusster und fordern mit wachsender Selbstverständlichkeit Führungspositionen mit entsprechender Verantwortung für sich ein, in Vorständen und Aufsichtsräten sind sie aber nach wie vor unterrepräsentiert. Um verpflichtende gesetzliche Quoten für Unternehmen wird auf allen Ebenen zäh gerungen. Nach wie vor besteht ein Gender Pay Gap zwischen Männern und Frauen. Der Equal Pay Day verdeutlicht dies besonders unmissverständlich. In diesem Jahr fiel er in Deutschland auf den 17. März 2020. Der Equal Pay Day zeigt auf, wieviel mehr Tage Frauen zusätzlich arbeiten müssen, um mit Männern gleichzuziehen. Auf das Jahr 2019 bezogen bedeutet dies, dass Frauen bis zum 17. März 2020 arbeiten mussten, um das Einkommensniveau zu erreichen, das Männer bereits am 31. Dezember. 2019 erreichten.

DIVERSITY MANAGEMENT UND COMING OUT AM ARBEITSPLATZ

Ein professionelles und organisatorisch verankertes Diversity Management ist inzwischen zwar aus den großen Firmen in Deutschland nicht mehr wegzudenken und LGBT* wird als ein Aspekt von Diversity seit einigen Jahren auch mitberücksichtigt. In der täglichen Realität des Einzelnen am Arbeitsplatz entfaltet dies aber noch keine flächendeckende Wirkung. 30,5 Prozent der LGBT*-Personen verschweigt nach wie vor die eigene sexuelle Identität am Arbeitsplatz, bzw. vertraut sich nur wenigen Personen an. Dies zeigt die Neuauflage der Studie „Out im Office?!“ (2017). Noch immer befürchten viele, dass sich ein Outing nachteilig auf die Karriere auswirkt oder gar zum Verlust des Arbeitsplatzes führt. Dies gilt insbesondere für die Ebene des Top-Managements, aber auch für Berufsanfänger*innen.

DAS L WIRD „MITGEMEINT“

Selbst in LGBT*-Zusammenhängen sind Lesben häufig zahlenmäßig unterrepräsentiert oder aber weniger sichtbar, weil sie unter dem Begriff Homosexuelle „mitgemeint“ werden. Die zunehmenden Rufe nach einer Inklusion der unterschiedlichen Lebensentwürfe tragen außerdem dazu bei, dass selbst in der LGBT*-Community Lesben weniger sichtbar werden. Der aktuelle Report „Women in the Workplace“ der Unternehmensberatung McKinsey (2019) zeigt, dass sich lesbische Frauen am Arbeitsplatz unsicherer fühlen als Frauen an sich. 23% der befragten lesbischen Frauen denken, dass Sie am Arbeitsplatz nichts über ihr Privatleben preisgeben können, während nur 10% der befragten Frauen ebenso empfinden. Ein ebenso hoher Prozentsatz der Lesben hat am Arbeitsplatz schon herabsetzende Kommentare gehört, während dies nur 16% der Frauen bestätigen. Im Ergebnis zeigt die Studie, dass sich viele lesbische Frauen in Unternehmen psychisch und physisch unsicher fühlen. In einem Artikel des Manager Magazins mit dem Titel „Wie sich Homosexuelle in der Wirtschaft verbünden“, wurde u.a. über die Gründung des internationalen Homosexuellennetzwerks The Alliance berichtet, das sich zum Ziel gesetzt hat, „mehr von seinesgleichen in Führungspositionen zu hieven“. Dass die Frauen in der Gruppe dieser 115 hochrangigen Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik zahlenmäßig deutlich in der Minderheit sind, findet im Artikel keinerlei Erwähnung. Einen Hinweis auf das klare Missverhältnis gibt für Deutschland auch die Liste der Germanys Top 100 Out Executives. Darin finden sich 72 Männer und 28 Frauen (immerhin aber 7 Frauen unter den Top 10), was darauf hindeutet, dass es schlichtweg weniger offen lesbische Frauen in Führungspositionen gibt und es entsprechend schwieriger ist, „Nominees“ zu finden. Gleichzeitig gibt es aber auch sehr positive Signale und Unterstützung aus der LGBT*-Community. Beispielsweisehat sich die Messe STICKS & STONES für 2020 vorgenommen „ein Zeichen für Visibility und Gender Diversity [zu] setzen […]. Wir möchten ausschließlich lesbische, bisexuelle und trans Speakerinnen sowie weibliche Straight Allies – heterosexuelle Mitstreiterinnen – zu einem Vortrag auf unserer Bühne einladen. Für die zukünftigen Messen ab 2021 wollen wir uns standardmäßig an einem Verhältnis von 50:50 orientieren.“

Dieser Beitrag erschien zuerst im August 2020 im Jahresmagazin des Völklinger Kreises IN/Spired.

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