Warum Max Spohr?
Der Name des Verlegers Max Spohr (1850 – 1905) steht für Weitsicht, Toleranz und Offenheit gegenüber menschlicher Sexualität zu einer Zeit, in der das moralische Klima von Konservatismus und Chauvinismus geprägt war.
Geboren in der Buchstadt Leipzig, hat sich Max Spohr zeitlebens aktiv und auf vielfache Weise für die Emanzipation sexueller Minderheiten eingesetzt. Von 1893 an begann er, als erster Verleger Bücher herauszubringen, die sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzten.
Insgesamt erschienen bei Spohr über 120 Publikationen zu gleichgeschlechtlicher Liebe, wissenschaftliche Werke wie Literatur. Geleitet wurde Spohr dabei von dem Streben nach Aufklärung und einem vorurteilsfreien Umgang mit Homosexualität. Diese Überzeugung schlug sich auch in seiner Zusammenarbeit mit dem Pionier der Homosexualitätsforschung, Magnus Hirschfeld, nieder.
Am 15. Mai 1897 gründeten Spohr und Hirschfeld zusammen mit Eduard Oberg und Franz Joseph von Bülow in Berlin das wissenschaftlich-humanitäre Komitee, die weltweit erste Organisation für die Rechte von Homosexuellen. Spohr trug immer die persönlichen Konsequenzen seines verlegerischen Einsatzes für die Emanzipation von Homosexuellen – gesellschaftlich wie finanziell. So wurde er aufgrund der damals geltenden Zensurgesetze wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften wiederholt angezeigt und verurteilt und erlitt nicht zuletzt dadurch empfindliche wirtschaftliche Verluste.
Spohr war jedoch überzeugt, dass „durch meinen Verlag noch nie ein unsittliches Werk Verbreitung fand, auch wenn ich den Mut besitze, Schriften zu veröffentlichen, die, wenn sie auch heikle Gegenstände berühren, lediglich der Menschheit zum Segen dienen.“ Als Spohr 1905 in Leipzig starb, wurde sein Eintreten für Toleranz und Aufklärung in zahlreichen Nachrufen geehrt. Er hinterließ eine Ehefrau und drei Söhne und war selbst nicht homosexuell.
Die treffendste Einschätzung seines Charakters hat in diesem Zusammenhang Magnus Hirschfeld gegeben: „Max Spohr gehörte zu denen, die den Glauben mancher Homosexueller, dass nur ein ähnlich Empfindender ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen könne, Lügen strafte.“
Aufgrund der bewundernswerten Verdienste Max Spohrs sowie seines offenen Eintretens für das tolerante Umgehen mit sexueller Identität entschloss sich der Berufsverband VK e. V. (damals noch Völklinger Kreis), einen Preis in seinem Namen zu stiften, der zum ersten Mal 2001 verliehen wurde. Die Emanzipation Homosexueller und der damit verbundene Abbau von Diskriminierung – für diese Ziele hat sich Max Spohr eingesetzt. Das prädestiniert ihn als Namensgeber des Max-Spohr-Preises, des Diversity Management-Preises zur Förderung von Vielfalt im Hinblick auf die sexuelle
Identität.
Der Max-Spohr-Preis
Der Max-Spohr-Preis ist eine Auszeichnung des Berufsverband VK e. V. (ehemals Völklinger Kreis), mit der seit 2001 alle zwei Jahre Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in Deutschland geehrt werden, die auf vorbildliche Weise Vielfalt in ihren Organisationen durch Diversity Management unterstützen, insbesondere durch Instrumente zur Förderung der Kerndimension „sexuelle und geschlechtliche Identität“ und Programme für lesbische, schwule, bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche (LGBT+) Mitarbeiter:innen.
Für den VK ist die Umsetzung des ganzheitlichen Diversity-Gedankens eines der zentralen Ziele seiner Arbeit als Berufsverband.
Wie es möglich ist, Diversity Management erfolgreich zu verwirklichen, zeigen die bisherigen Preisträger:innen des Max-Spohr-Preises.
Diese ausgezeichneten Arbeitgeber:innen teilen eine Überzeugung: Die Vielfalt der Mitarbeiter:innen in Bezug auf Alter, Behinderung, Geschlecht, Herkunft, Religion und Weltanschauung und sexuelle Identität darf nicht verdrängt werden, sondern ist ein Vorteil, der aktiv zum Besten für die Entwicklung von Unternehmen/öffentlichen Einrichtungen wie Beschäftigten genutzt werden muss.
Zukünftige Preisträger:innen erkennen, dass der entscheidende Schritt ist, die Vielfalt der Beschäftigten als Asset zu sehen und möglicher Diskriminierung proaktiv zu begegnen. Nicht nur die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften ist gefragt, sondern die Förderung individueller Vielfalt am Arbeitsplatz, um bei jeder/m Einzelnen kreative Potentiale freizusetzen, die zum Vorteil aller genutzt werden können.
Die positiven Effekte eines ganzheitlichen Diversity Managements sind vielfältig. Ein Arbeitsumfeld, in dem wertschätzend mit Vielfalt umgegangen wird, fördert Kreativität und Innovation. Netzwerke innerhalb, aber auch zwischen Unternehmen/öffentlichen Arbeitgeber:innen ermöglichen Erfahrungsaustausch und damit Wissen um Best Practice.
Ein weiterer Nutzen ist die positive Wirkung nach außen. Nicht zuletzt beim Wettbewerb um die besten Talente bringt ein erfolgreiches Diversity Management einen entscheidenden Vorteil beim Recruitment.
Die Vorteile von Diversity-Programmen sind offensichtlich und doch stehen viele deutsche Arbeitgeber:innen bei deren Entwicklung und Umsetzung erst am Anfang. Der VK will daher seine Kompetenz im Themenbereich Vielfalt/Diversity Management nutzen und den Gedanken im Dialog mit Arbeitgeber:innen, aber auch Gewerkschaften, Spitzenverbänden und anderen Interessenvertreter:innen sowie der Politik fest verankern.
SCHWUL IN SINGAPUR
EIN INTERVIEW MIT VAN HOC HOANG ÜBER DAS LEBEN IN SEINER HEIMATSTADT
Dem Stadtstaat Singapur gelang es, innerhalb einer Generation von einem Schwellenland zu einem der reichsten Länder der Welt aufzusteigen, und ist, neben Hong Kong, heute der wichtigste Finanzplatz Asiens. Er belegt auf dem Wohlstandsindex der UNO (Human Development Index) derzeit Platz 9 während die USA nur Platz 15 belegen. Und das, obwohl z.B. Amnesty International mit den Erweiterungen des Public Order Act in 2017 die Menschenrechte in Singapur weiter eingeschränkt sieht und ebenfalls auf Einschränkungen in der Meinungsfreiheit verweist. Auch existiert im Staat die Todesstrafe, was er mit den USA gemein hat. Homosexuelles Verhalten ist in Singapur allerdings strafbar – ein Überbleibsel der britischen Kolonialzeit. So ist er heute zwar der erfolgreichste aller Tigerstaaten aber auch der einzige, der sich in diesem Aspekt noch nicht geöffnet hat. Wir sprachen mit Van Hoc Hoang, einem Profimusiker aus Singapur und verheiratet mit Ralf Jack-Hoang, Mitglied beim Völklinger Kreis und dort im Vorstand (2008 – 2014 und 2019/20)
Van Hoc, wie lebt es sich in Singapur?
Das kommt auf die Prioritäten an. Singapur ist heute eine der modernsten Städte der Welt und hat international sehr gute Beziehungen. Die Stadt ist deutlich sicherer als Städte vergleichbarer Größe im Westen und hat für ihre Größe eine deutlich geringere Kriminalität. Je nach Job kann man gut bis sehr gut verdienen, und die Krankenversorgung entspricht westlichem Standard. Die Versorgung mit Konsumgütern ist ausgezeichnet, und das kulturelle Angebot hat internationales Niveau. Das Jahresdurchschnittsgehalt liegt mit umgerechnet knapp 40000 Euro sogar über dem von Deutschland.
Du bist erst im letzten Jahr wieder nach Singapur gezogen. Du hast zuvor lange in Deutschland gelebt. Hast du eine Veränderung wahrgenommen?
Die Stadt hat sich in den letzten 25 Jahren sehr verändert. Allerdings mehr von Außen denn von Innen. Die Menschen der Stadt brauchen mehr Zeit, um sich zu verändern. Und dennoch spürt man: sie setzen sich heutzutage bereits kritischer mit Entscheidungen ihrer Regierung auseinander als früher. Die Meinungsfreiheit hat zugenommen. Gleichzeitig gibt es aber auch Veränderungen, die einem Sorgen bereiten. So z.B. neue Gesetze wie POFMA – das „Fake News Law“. Es gibt der Regierung die Macht, zu entscheiden, was wahr bzw. fake ist. Wer dem widerspricht, kann bestraft werden. Letztlich erhält sich der Staat so seine Freiheiten, um seine Ziele einer sicheren, erfolgreichen Stadt zu verfolgen und der/die Einzelne muss für sich entscheiden, wie groß die eigene Kompromissbereitschaft ist, um davon profitieren zu können.
Erst vor kurzem wies das High Court of Singapore erneut Klagen gegen den Paragrafen ab, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt. Die Tatsache, dass das Gesetz selten angewendet wird, mache es nicht „überflüssig“, befand das Gericht. In der Zusammenfassung des Urteils heißt es: „Die Gesetzgebung bleibt wichtig, um die öffentliche Meinung und die Überzeugungen widerzuspiegeln“. Wie fühlt sich das für dich als schwulen Mann an?
Während meines Studiums in den USA Ende der 90er lebte ich offen schwul und lernte damals viel über die Bedeutung der Meinungsfreiheit. Bei meiner Rückkehr nach Singapur 2002 war ich entsetzt, dass der Paragraph immer noch existierte. Ich hatte Probleme, mich damit abzufinden. Als es sich 2005 ergab, an der Frankfurter Musikhochschule mein Aufbaustudium zu machen, kündigte ich meinen damaligen Job und bin nach Deutschland gezogen. Heute, 14 Jahre später, bin ich wieder in Singapur. Und auch wenn ich enttäuscht bin, dass das Gesetz immer noch existiert, kann ich doch irgendwie verstehen, dass dies eine politische Entscheidung ist. Für Singapur stehen Geld, Krankenversorgung, Wohnung und Sicherheit im Fokus seiner Entscheidungen. Menschenrechte und Meinungsfreiheit werden diesen Zielen untergeordnet. Der größte Teil der Bevölkerung ist mit diesem Arrangement zufrieden.
Singapur besitzt eine beachtliche Bandbreite an Ethnien und Religionen und ist wirtschaftlich sehr erfolgreich. Welche Werte sind deiner Meinung nach dem Staat besonders wichtig?
Ich würde sagen, dass Singapur die Harmonie seiner Gemeinschaft besonders wichtig ist. Auch wenn es vielen vielleicht als oberflächlich erscheint, so scheint mir Harmonie einer der Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg der Stadt zu sein. Ihr ganzes Streben ist auf diesen Erfolg ausgerichtet, und Harmonie trägt einen entscheidenden Teil dazu bei. So legt man z.B. bereits in der Schule viel Wert auf die Vermittlung von Respekt gegenüber den anderen Ethnien und Religionen, die in Singapur eine Heimat gefunden haben. Das Risiko, diese Harmonie zwischen den einzelnen Kulturen der Stadt zu verlieren, weil große Teile zur Zeit nicht bereit sind, Homosexualität zu akzeptieren, könnte ein Grund dafür sein, weshalb homosexuelles Verhalten immer noch verboten ist. Die Begründung des Richters ist jedenfalls ein Hinweis darauf.
Aber hat die Strafbarkeit homosexueller Handlungen nicht Konsequenzen auf dein tägliches Leben?
Das Verbot ist im täglichen Leben als schwuler Mann kaum zu spüren. Dennoch schwebt es wie ein Damoklesschwert über einem. Man schränkt sich letzten Endes doch ein, um nicht aufzufallen. Doch trotz des Gesetzes, die schwule Subkultur ist heutzutage deutlicher in der Stadt zu spüren als noch vor 20 Jahren. Es existiert mittlerweile ein großes Angebot an schwulem Leben. Und zahlreiche Bars, Cafés, Clubs und Saunen locken jährlich auch mehr und mehr Touristen an. Sogar einen CSD gibt es – der darf allerdings nicht so heißen. Aufgrund des historischen Hintergrunds würde dies zu weit führen. Stattdessen heißt er Pink Dot. All diese Veränderungen finden in den offiziellen Medien des Staates jedoch nicht statt.
Du bist mittlerweile mit einem Deutschen verheiratet. Was bedeutet ein solches Umfeld für eure Beziehung?
In Deutschland ist meine Ehe eine Ehe wie jede andere. In Singapur wird sie nicht mal anerkannt. Das ist schade, aber das lässt sich aktuell nicht ändern. Aufgrund der Gesetzeslage dürfen wir uns in der Öffentlichkeit weder küssen, noch dürfen wir Händchen halten. Auch unsere gemeinsame Wohnung läuft nur auf meinen Namen, wir wohnen also quasi als WG.
Und dein_e Arbeitgeber_in? Ist deine Homosexualität dort bekannt? Wie wird damit umgegangen?
Auf meiner Arbeit wissen es mittlerweile alle, ich gehe damit ganz offen um. 2005 war ich da noch vorsichtig. Ich war damals nur teilweise geoutet. Heute fühle ich mich aufgrund meiner Erfahrungen in Deutschland sicherer. Mein Mann hat dazu auch viel beigetrgen. Er sagt heute, ich sei mutiger geworden.
Diese Offenheit, die du lebst – wäre diese auch in anderen Berufen möglich?
Dies hängt vom Beruf und dem Umfeld ab. Deine Arbeitgeber_in kann dir aufgrund deiner sexuellen Orientierung fristlos kündigen. Gerade in regierungsnahen Berufen oder als Lehrer_in an einer Staatsschule hält man sich da eher bedeckt.
Du hast ja bereits erwähnt, dass dich die Jahre in Deutschland verändert haben. Wie genau?
Ich bin selbstbewusster geworden, ich verstecke mich nicht. Die Meinung anderer Menschen über meine Homosexualität ist mir egal. Dennoch weiss ich um meine Grenzen. Das Gesetz bleibt im Hinterkopf.
Van Hoc Hoang
Musiker; arbeitet zur Zeit als Hornist beim Singapur Symphony Orchestra Seit 2013 nach deutschem Recht mit VK-Mitglied und Vorstand Ralf Jack-Hoang verpartnert, seit 2018 verheiratet. Geboren und Aufgewachsen in Singapur, hat in Boston (USA) und Frankfurt am Main, (Deutschland) studiert. Lebte von 2005 – 2018 hauptsächlich in Deutschland, hat aber projektweise auch in anderen Ländern gearbeitet: China, Dänemark, Finnland, Frankreich, Hong Kong, Japan, Malaysia, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Russland, Schottland, Schweden, Schweiz, Spanien, Südkorea, Tschechien, UK, USA.
Dieser Beitrag erschien zuerst im August 2020 im Jahresmagazin des Völklinger Kreises IN/Spired.


